Warum du aufhören solltest, zu bewerten (und was das mit dem Weltfrieden zu tun hat)

Bewerten

Wir bewerten. Ständig. Wir teilen auf in “gut” und “schlecht”, “positiv” und “negativ”. Wir vergleichen, lästern, urteilen. Ich war auch ganz groß darin. Neulich fiel mir mein Abi-Buch in die Hände, das diese Tatsache bestätigt. Eine Freundin schrieb in einer Beschreibung über mich: “Außerdem ist es ihr sehr wichtig, gut auszusehen, um einen guten Eindruck zu hinterlassen, was nicht unbedingt die Pünktlichkeit fördert. Da muss das gesamte Outfit stimmen und so wird sich auch in letzter Minute nochmal umgezogen, um das bestmögliche Ergebnis zu erreichen. Entsprechend schlecht denkt sie von ungepflegten Menschen, über die dann gnadenlos gelästert wird.”

So. Das war ich also vor 10 Jahren.

Ich zog über Menschen her, die nicht meiner Definition von “gutem Style” entsprachen. Das völlig Irrsinnige dabei: Wenn ich mir alte Fotos anschaue, war ich selbst auch nicht unbedingt besonders stilsicher…

Ich tat es einfach, um mich besser zu fühlen. Mein Selbstwert war niedrig und so suchte ich Menschen, die in meinen Augen schlechter waren als ich und lästerte voll ab.

Seit dieser Zeit hat sich viel verändert. Lästern und das Bewerten anderer Leute gehört definitiv nicht mehr zu meinen Leidenschaften.

Ohne Bewertungen gäbe es keine Kriege
Der Grund eines jeden Krieges ist der Verstand. Der Verstand allein bewertet, teilt in “gut” und “schlecht”. Der eine meint, das andere wäre schlechter und gehört daher bekämpft. Ohne diese Werteskala hätte es weder Sklaven, noch Kreuzzüge, noch Konzentrationslager gegeben.

Die Welt wäre voller Liebe.

Aber nein, so läuft es nicht. Klar, du bist sicher auch gegen Sklaverei und KZs, weil du findest, dass kein Mensch schlechter ist als der andere.

So habe ich auch immer gedacht. Trotzdem habe ich geurteilt und bewertet, was das Zeug hält. Das richtete sich nicht gegen Schwarze oder Juden – da war ich immer tolerant. Es richtete sich gegen Menschen, die die falsche Kleidung trugen, den falschen Schulabschluss hatten oder schlicht und einfach nicht so waren, wie ich es für richtig hielt.

Schon klar, das ist nicht ganz so krass wie das oben genannte. Aber es ist definitiv verwandt.

Die Grenze ist sehr schwammig. Wenn du sagst: “Ich rede nicht mit Ausländern” bist du ein Rassist. Wenn du aber sagst: “Ich rede nicht mit Schulabbrechern” ist alles tutti – bis auf die Tatsache, dass dir vielleicht jemand vorwirft, abgehoben zu sein.

Im innersten Kern sind wir Liebe
Von klein auf werden wir mit Werten konfrontiert. Seit unserer Kindheit unterscheiden wir in “gut” und “schlecht”. Wir bewerten, werden bewertet und sitzen so in einem System fest, das uns nicht wirklich lehrt, offen und tolerant zu sein.

Die Folge: Parolen wie “Veganer haben einen Knall!” oder “Echte Männer weinen nicht!” verankern sich in der Gesellschaft und schaffen zum Teil unüberwindbare Klüfte.

Es ist schwer, diesem System zu entfliehen und auch ich ertappe mich hin und wieder noch dabei, wie ich andere bewerte. Allerdings fällt es mir inzwischen auf – ich hinterfrage meine Bewertung und öffne mich, weil ich weiß: Alle Bewertungen finden nur in meinem Kopf statt – nicht in meinem Herzen.

Das Herz bewertet nicht. Es liebt einfach nur. Es spielt für das Herz keine Rolle, wie jemand aussieht, was er macht oder welcher Religion er angehört. Es ist ein wundervolles Gefühl, von Liebe erfüllt zu sein – denn das ist, was wir alle sind. Liebe ist unsere Natur.

Unser Verstand, unser Ego hingegen denkt immerzu nach. Er fühlt nicht. Er rattert ein Programm ab, das uns unglücklich, gehässig oder sogar feindselig macht.

Glaubst du, es würde noch Kriege geben, wenn alle Menschen nur noch aus dem Herzen handeln würden?

Der Weltfrieden fängt bei dir an
Ich kenne zig Menschen, die es furchtbar finden, was in der Welt los ist. Dass politische Gesinnungen, die auf Angst und Hass basieren, immer stärker werden. Sie schütteln fassungslos den Kopf über Terroranschläge in unserer unmittelbaren Nähe – und ziehen im nächsten Atemzug über die Nachbarin her, die jeden Tag von einem anderen Mann besucht wird.

Klar, deswegen werden sie nicht gleich einen Molotow-Cocktail in ihr Schlafzimmerfenster werfen. Aber: Solange Trudi über Susi herzieht und lästert, wird es auch Kriege geben. Wenn wir nicht einmal akzeptieren können, dass jemand gerne und viel Sex hat, übergewichtig ist oder zum Abendbrot Müsli isst, wie können wir dann erwarten, dass eine Religion die andere akzeptiert oder sich zwei politisch komplett unterschiedlich denkende Menschen die Hände schütteln?

Warum du aufhören solltest, zu bewerten
Bewertungen sind allgegenwärtig. Sie sind eng an unsere Werte, aber auch an unsere Erziehung und das Umfeld, in dem wir aufgewachsen sind, geknüpft. Dabei bewerten wir nicht nur uns selbst, sondern auch andere.

Bewertungen machen unser Leben extrem schwer. Darum solltest du unbedingt damit aufhören:

1. Niemand wird jemals genug sein – auch nicht du selbst
Sobald wir andere bewerten, bewerten wir auch uns selbst. Finden wir doof, was andere machen, loben wir uns damit selbst. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten und so kommen wir zwangsläufig in Situationen, wo wir uns selbst negativ bewerten. Kaum jemand sitzt auf solch einem hohen Ross, dass er nur über andere negativ denkt und sich selbst immerzu in den Himmel lobt.

Früher oder später trifft er jemanden, der in irgendeiner Hinsicht “besser” ist. Schlanker, witziger, intelligenter, schlagfertiger. Vielleicht fährt er einen Jaguar oder hat eine Traum-Familie.

Solange du bewertest hängst du in einer Schleife fest, die dir immerzu Defizite und Mangel aufzeigt. Denn niemand, auch nicht du selbst, wird jemals vollkommen deinen Werten oder Vorstellungen davon entsprechen, was “richtig” oder “gut” ist. Perfektion ist ein Zustand, der ausschließlich in unseren Köpfen existiert, nicht aber in der Realität.

2. Du bist in ständiger Konkurrenz mit anderen
Wenn du die Welt und deine Mitmenschen durch deine Werteskala beurteilst, wird dein Denken niemals frei von Vergleichen sein. Du checkst ab, ob jemand schönere Haare hat, den beeindruckenderen Lebenslauf oder den perfekteren Partner.

Du hältst dich selbst für besser oder schlechter als andere, was immer zu Unterscheidung und Konkurrenz führt – auch wenn es nur in deinem Kopf ist.

Deine Mitmenschen zu akzeptieren und auch dich selbst zu akzeptieren fällt dir schwer. Das belastet sowohl deine romantischen als auch deine freundschaftlichen Beziehungen.

3. Du verpasst wundervolle Menschen und Gelegenheiten
Zu bewerten bedeutet auch, Vorurteile zu haben. Wann immer ich bewertet habe, schaute ich nie hinter die Kulissen. Wie sieht es in dem Menschen aus? Welche Geschichte hat er? Ich interessierte mich mehr für die Fassade als für das Innere eines Menschen.

Das ist unglaublich arrogant – und darüber hinaus auch nicht besonders förderlich für unser persönliches Wachstum. Denn wenn wir uns immer nur mit den Menschen umgeben, dessen Verhalten wir für “richtig” halten, werden wir niemals lernen und wachsen. Diese Menschen können uns nur begrenzt einen neuen Blickwinkel auf das Leben aufzeigen.

4. Du läufst Gefahr, ein völlig falsches Leben zu führen
Wir alle bekommen im Laufe des Lebens Werte mitgegeben. Von anderen. Das passiert zwangsläufig, bedeutet aber auch, dass wir zum Teil nach Werten leben, die eigentlich nicht unsere eigenen sind.

Hängst du in deinem Bewertungssystem fest, öffnest du dich nicht für neue Werte. Du hast gar keine Gelegenheit, deine eigenen Werte zu entdecken. Deine Eltern finden, Studieren ist das A und O – also denkst du das auch. Schon seit Generationen geht deine Familie zu Weihnachten in die Kirche – also tust du das auch.

Ob das tatsächlich auch deinen eigenen Werten entspricht, hinterfragen viele gar nicht – was dazu führen kann, dass wir uns am Ende unseres Lebens fragen: “Welches Leben habe ich da eigentlich gelebt?”

5. Du bringst schlechte Energie in dein Leben
Lästern, urteilen, bewerten macht keine Freude. Vielleicht fühlst du dich für den Moment besser oder überlegen. Aber im Grunde schaffst du damit einfach nur negative Energie. Ich ziehe mich inzwischen ganz bewusst aus öffentlichen Lästerrunden raus. Ich möchte nicht über andere Menschen urteilen, denn erstens habe ich nicht das Recht dazu und zweitens wirft es einen Schatten über mein Leben.

Das hört sich vielleicht theatralisch an, aber noch nie habe ich mich nach Lästereien richtig gut und energiegeladen gefühlt. Du? Sei ganz ehrlich!

Negatives erzeugt nie Positives. Das ist ein Gesetz. Du kannst nicht täglich über deine Mitmenschen lästern und gleichzeitig erwarten, dass du fröhlich durch die Gegend springst. Das funktioniert nicht.

Wie du es schaffst, weniger zu bewerten
Wenn wir ganz ehrlich sind, werden wir es wohl nie schaffen, gar nicht mehr zu bewerten. Bewertungen sind ja auch nicht nur negativ – Restaurants, Filme, Ärzte zu bewerten hilft schließlich auch anderen (solange die Bewertung nicht einfach nur ein Shit Storm ist).

Auch ich bin mehr oder weniger auf Bewertungen angewiesen.

Aber es hilft niemandem, andere Menschen zu bewerten. Dir nicht. Der Person nicht. Anderen nicht.

Wie aber kommen wir aus diesem Bewertungsmodus raus? Ich weiß, dass es nicht leicht ist und vor allem nicht von heute auf morgen geht. Das weiß ich, weil auch mein Kopf noch immer nicht frei von Bewertungen ist. Diese Tipps helfen dir dabei:

1. Hinterfrage all deine Bewertungen
Grundsätzlich sagen deine Urteile und Bewertungen nichts über den anderen auf, sondern nur über dich. Das ist gut, denn mit jedem Urteil kannst du dich selbst besser kennenlernen. Warum empfindest du etwas an dem Anderen als negativ? Ist das deine tatsächliche Meinung oder handelt es sich um Prägungen aus deiner Kindheit, der Werbung oder anderen Menschen?

Machst es dich selbst zu einem besseren oder den anderen zu einem schlechteren Menschen, dass er so ist, aussieht oder handelt (bzw. andersherum)? Warum?

Fühlst du dich vom anderen bedroht bzw. willst du deinen Selbstwert aufpolieren? Warum?

2. Versetze dich in die Lage des anderen
Warum handelt der andere so wie er handelt? Welche Beweggründe hat er? Welche Prägungen und Erfahrungen? Wie sieht seine Vergangenheit aus? Wie fühlt er sich? Was für eine Zukunft sieht er vor sich?

Du steckst in niemandes Schuhen und wirst es auch nie. Du kannst nur erahnen, was in dem anderen vorgeht. Und diese Ahnung, ein klitzekleines Fünkchen Fantasie, reicht schon, um dem anderen näher zu kommen und zu verstehen, warum er ist wie er ist.

Verständnis ist hier der Schlüssel.

So richtig klar wurde mir das während meines Vertiefungsstudiums (Strafrecht und Kriminologie). Erst da wurde mir bewusst, wie sehr unser Umfeld und unsere Erfahrungen uns prägen. Ich erhielt einen Einblick in die menschliche Psyche und sah Straftäter urplötzlich mit anderen Augen.

Dies war eine wichtige Wendung in meinem Denken. Natürlich entschuldigt eine “schlechte Kindheit” keinen Mord – aber es hilft, zu verstehen.

Und wenn ich Straftäter verstehen kann, dann erst recht andere Menschen, die einfach nur einen Tick oder eine komische Angewohnheit haben. Seitdem bin ich extrem vorsichtig mit meinem Urteil und versuche, hinter die Kulissen zu blicken.

3. Öffne dein Herz
All deine Urteile und Bewertungen beruhen auf deinen Erfahrungen. Alles, was du siehst, hörst, erfährst, gleicht dein Gehirn mit deiner Vergangenheit ab und – zack – stopft es in eine Schublade. Dein Verstand läuft und läuft und säuselt dir immerzu ins Ohr. Wenn du den Verstand ausschaltest, nimmst du nur noch mit dem Herzen wahr.

Und, wir erinnern uns: Das Herz bewertet nicht.

Das Herz fühlt.

Mit einem offenen Herzen gibt es keine Fehler, keine Makel, keine Konkurrenz. Es gibt nur Liebe. Und wie lernten wir bereits vom kleinen Prinzen: “Man sieht nur mit dem Herzen gut.”

Kinder sind Meister darin, mit dem Herzen zu sehen und zu handeln. Je älter sie werden, je mehr sie fremde Werte, Traditionen und Meinungen mitbekommen, desto weniger sind sie aber in der Lage, diese Fähigkeit beizubehalten.

Unsere Aufgabe als Erwachsene ist es, diese Fähigkeit wieder zu lernen.

4. Kläre die Beziehung zu dir selbst
Wenn du mit dir selbst im Reinen bist, ist kein Platz für Bewertungen. Plötzlich ist es völlig unwichtig, ob dein Nachbar die schöneren Blumen im Garten oder deine Cousine einen 20 Jahre jüngeren Mann hat.

Denn wenn du mit dir im Reinen bist, bist du auch mit anderen im Reinen. Du musst niemandem etwas beweisen, es gibt kein “Gut” und “Schlecht”. Wenn du mit dir im Reinen bist, brauchst du weder Klatsch-Magazine, noch Lästereien, um dich besser zu fühlen.

5. Akzeptiere Andersartigkeit
Wir alle haben unsere Art, unser Leben zu leben. Die einen schlafen gerne bis zum Mittag, die anderen stehen bereits um halb 5 auf. Nicht davon ist besser oder schlechter als das andere. Solange du andere bewertest, hast du ebenfalls das Gefühl, bewertet zu werden. Du versuchst, einen guten Eindruck zu machen.

Der Bewertungs-Kreislauf hört nicht auf.

Akzeptiere Andersartigkeit – sowohl bei dir, als auch bei anderen. Wir können nicht alle gleich sein, und wollen es doch auch gar nicht, wenn wir ganz ehrlich sind.

Ohne Bewertungen lebt es sich besser
Wie herrlich wäre bitte ein Leben ohne Bewertungen? Ein Leben ohne Lästereien, unnötiger Streits und Kriege? Das wäre doch ein Traum.

Gemeinsam können wir dieser Utopie ein Stück näher kommen – indem wir aufhören, zu bewerten und anfangen zu akzeptieren.  Indem wir uns selbst lieben und unser Herz für andere öffnen. Indem wir wir sind und auch anderen die Möglichkeit geben, sie selbst zu sein.

Alle Menschen sind großartig so, wie sie sind. Alle Menschen sind wunderschön.

Wenn wir das erkennen und anfangen, mit dieser Erkenntnis zu handeln, dann ist der Weltfrieden zum Greifen nah.

Bei dir fängt es an.


Lass uns gemeinsam weitergehen. Komm in unsere Community und erhalte noch mehr Lebensfreude ganz bequem per Mail:

Kostenlos. Deine Daten sind sicher. Abmeldung jederzeit mit einem Klick.

2 thoughts on “Warum du aufhören solltest, zu bewerten (und was das mit dem Weltfrieden zu tun hat)

  1. Ein sehr schöner und wahrer Beitrag! :)
    Grad gestern habe ich mir wieder gedacht, dass es gut ist, dass wir nicht alle gleich sind (das wäre ziemlich langweilig :D) und dass jeder Mensch es verdient hat, so angenommen zu werden, wie er eben ist. Dass das manchmal eine Herausforderung sein kann, ist eine andere Geschichte. :)
    Liebe Grüße
    Julie

    • Hallo Julie und herzlich willkommen hier! :-)

      Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung! Ich merke das auch manchmal. Wir sind vermutlich so in diesem Wertungssystem drin, dass es unglaublich schwer fällt, es zu lassen. Aber ich arbeite dran und finde, dass ich es schon ganz gut hinkriege. :-)

      Ich finde es auch schön, dass nicht alle gleich sind – das macht das Leben doch so richtig interessant.

      Liebe Grüße
      Maike

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *