Wie das gesellschaftliche Schönheitsideal dein Leben beschwert (und was du dagegen tun kannst)

Vor einigen Tagen kürzte ich meine Fingernägel und feilte sie danach schön glatt (voll interessant, ich weiß!). Wie immer, wenn ich damit fertig bin, sah ich mir meine Hände stolz an. Das passiert etwa ein Mal die Woche. Denn ich trage meine Nägel kurz und kann es nicht ertragen, wenn sie zu lang werden. Das Weiße vom Nagel ist optimalerweise einen Millimeter breit. Warum erzähle ich dir das eigentlich? Es gibt schließlich interessantere Dinge als meine Nägel (zum Beispiel die Nägel von Kim Kardashian). Ich erzähle dir das, weil ich beim Kürzen darüber nachgedacht habe, wie sehr wir uns manipulieren lassen.

Früher trug ich meine Nägel immer länger. Warum? Na, weil in Frauenzeitschriften stand, dass der Nagel genau mit der Fingerkuppe enden sollte.

So.

Eigentlich könnte ich hier aufhören zu schreiben, weil meine Botschaft wohl jetzt schon klar geworden ist. Aber da hast du ja nichts von. Deswegen schreibe ich weiter.

Deswegen und weil ich es erschreckend finde, dass wir manchmal scheinbar komplett unser Denken ausschalten. Welcher Irrsinn treibt uns bloß dazu, Dinge aus irgendwelchen Medien oder der Werbung einfach umzusetzen, ohne zu hinterfragen, ob wir es selbst auch so wollen?

Zum Beispiel bei der Haarpflege. Für jeden Haartyp gibt es Produkte und Stylingtipps mit dem gleichen Ziel: Volles, voluminöses Haar. Da werden Locken geglättet, feines Haar mit Auffüllern vollgepackt, dickes Haar wird ausgedünnt. Denn zu voll soll es bitteschön auch nicht sein.

Es gibt Mascara für große Augen, Lippenstift für volle Lippen, Rouge-Effekte um die Nase schmaler oder die Wangen höher erscheinen zu lassen.

Push-Ups um einen größeren Busen zu schummeln, Bauch-weg-Hosen um eine weiblichere Silhouette zu bekommen, Push-Up-Schlüpfer, um den Hintern größer und knackiger zu machen.

Kleidungstipps für etwas Fülligere um schlanker zu wirken, oder für sehr Dünne um nicht ganz so schmal zu wirken. Kleidung, die kaschiert, falls man zu breite Schultern oder eine zu ausladende Hüfte hat.

Große Frauen können gut bodenlange Kleider und Röcke anziehen, kleine Frauen aber bitte nicht, sonst wirken sie noch kleiner. Außer es handelt sich um Frauen mit dicken Waden, die sollen doch bitte immer (auch bei 36° C) mindestens knöchellang tragen.

Geht’s noch?

Ich habe ja grundsätzlich nichts dagegen, seine Vorzüge ein wenig zu betonen. Aber wir müssen doch keine Religion daraus machen und solche Aussagen als verbindliche Gebote ansehen. Das ist doch total verrückt!

Es gibt so viele Frauen, die nichts von all dem beachten, aber trotzdem umwerfend schön sind. Weil wahre Schönheit von innen kommt. Dieser Satz ist extrem ausgelutscht, ich weiß. Deswegen ist er aber nicht weniger wahr.

Wenn wir uns gut fühlen, sieht man uns das auch an. Da ist es egal, ob wir Manga-Augen, Schmolllippen oder eine Wespentaille haben. Wir strahlen einfach. Wenn wir uns nicht so gut fühlen, sieht man uns auch das an. Wir können noch so einen großen Po-Push-Up tragen. Es klappt nicht.

Aber wieso lassen wir uns denn eigentlich so manipulieren?
Weil es einfach ist. Wir müssen nicht darüber nachdenken, was wir eigentlich wollen. Uns werden Entscheidungen abgenommen. Gleichzeitig gehen wir in der Masse unter, denn auffallen wollen wir ja auch nicht so recht. Wir sind Teil eines perfekten Systems, in dem nur sehr wenige auffallen, die wir (ironischerweise) nicht selten bewundern.

Es ist gruselig und bedenklich, meinen wir doch alle, wir hätten einen freien Willen und würden unser Leben genau so leben, wie wir wollen. Von Manipulation wollen wir nichts wissen. Das klingt nach Gehirnwäsche.

Stimmt. Genau das ist es ja auch. Nicht politisch. Sie geht von den Medien aus, von der Werbung und wird nicht zuletzt auch mit Hilfe der Gesellschaft propagiert.

Uns wird vorgeschrieben, wie wir auszusehen haben. Und wir machen auch noch fröhlich (oder eher weniger fröhlich) mit. Wenn auch meistens unbewusst. Das schreit schon förmlich nach Unzufriedenheit.

Sei du selbst und liebe es
Kein Mensch gleicht dem anderen. Und das ist doch auch super so. Trotzdem ist der Zwang da, wie alle anderen (bzw. wie es uns vorgegeben wird) auszusehen. Ich nehme mich davon nicht aus, habe ich meine Beine im Sommer doch jahrelang mit Selbstbräuner vollgeschmiert, damit sie genauso braun wie der Rest des Körpers sind.

Versteh mich nicht falsch. Ich will dir nicht sagen, dass du dich nicht mehr schminken oder keine figurschmeichelnde Kleidung tragen sollst. Ich möchte dir hiermit einfach die Möglichkeit geben, darüber nachzudenken, warum du das tust.

Es kann doch einfach nicht sein, dass Menschen anfangen, sich für ihre kleinen Augen oder schmalen Lippen (oder zu vollen Lippen) oder fehlenden Rundungen zu schämen und das um jeden Preis kaschieren wollen. Dass das ein Makel sein soll, der versteckt gehört. Ich finde es traurig, dass uns so wenig Indivudualität eingeräumt wird und wir selbst das auch noch zulassen.

Schluss mit Unsicherheit
Ich weiß, wie es sich anfühlt, sich nicht wohl in seiner Haut zu fühlen. Es ist kein schönes Gefühl und zieht das ganze Leben irgendwie runter. Diese Schritte haben mir sehr geholfen und werden dir sicher auch helfen:

1. Betrachte dich täglich genau im Spiegel. Nicht nur kurz zum Eincremen. Sieh wirklich ganz genau hin. Völlig unvoreingenommen und ohne das gängige Schönheitsideal im Kopf. Schau doch, was die Natur dir gegeben hat. Ist das nicht erstaunlich?

2. Lächle dich regelmäßig an. Tu es wirklich! Auch wenn du dir komisch dabei vorkommst. Du bist allein, niemand sieht es. Ich lächle mich bei jedem Blick in den Spiegel an – ein schönes Gefühl!

3. Hör auf, dich mit anderen zu vergleichen. Und hör auf, dir Vorbilder zu nehmen, wie du gern aussehen würdest. Du bist du. Sei keine (schlechte) Kopie.

4. Obwohl diese drei Tipps tatsächlich helfen, ist das, zugegeben, bis auf Punkt 2, leichter gesagt als getan. Was mir bei der Umsetzung dieses Denkens extrem geholfen hat, war regelmäßige Bewegung und gesunde Ernährung. Diesen Punkt halte ich für unumgänglich um sich voll und ganz wohl in seinem Körper zu fühlen. Durch Sport und Fitness (und auch sehr stark durch Yoga und Meditation) habe ich ein ganz neues Körpergefühl und größeres Selbstbewusstsein bekommen. Zudem fühlt sich das Leben mit einem gesunden Körper so gut an, dass ich ihn gar nicht mehr in Frage stellen möchte. Ich habe eine große Dankbarkeit meinem Körper gegenüber entwickelt und werte ihn deshalb nicht mehr wegen irgendwelcher willkürlich festgelegten “Makel” ab.

Dieses unglaublich gute Gefühl wird auch dich so sehr strahlen lassen, dass du plötzlich auch komplett ungeschminkt Komplimente bekommen wirst. Auch wenn deine Haare gerade platt am Kopf runter hängen und deine Augen eigentlich viel zu eng beieinander stehen (völliger Blödsinn übrigens!).

Weil es darauf nicht ankommt.

5. Löse dich von Schönheitsidealen und schaff dir eigene. Eigentlich kommt dieser Punkt früher oder später automatisch. Trotzdem soll er erwähnt werden, weil das ein entscheidender Schlüsselmoment ist. Es bedeutet, du hast dich von dem So-muss-ich-aussehen-Zwang befreit und du hast gelernt, dich zu akzeptieren. Das ist toll!

Liebe die Vielfalt
Werbung und Medien wird es immer geben. Zumindest die Medien meinen es vermutlich nicht böse und wollen nur helfen, wenn sie Ratschläge erteilen. Dass es aber nicht hilft, einem Menschen Tipps zu geben, wie er das und jenes kaschieren kann, sondern eher das Selbstbewusstsein schrumpfen lässt, ist ihnen offensichtlich nicht bewusst.

Alles, was wir tun können, ist nicht darauf zu hören und uns eine eigene Meinung zu bilden. Und: Uns von der Vorstellung verabschieden, es gäbe den einen perfekten Menschen und wir alle müssten ihm so ähnlich wie möglich sehen. Individualität ist großartig und macht das Leben und jeden einzelnen von uns interessant. Steh zu dir, so wie du bist. Schmink dich ruhig, wenn dir danach ist. Aber nicht um etwas zu verstecken, sondern um deine Schönheit zu betonen. Denn du bist schön, dessen bin ich mir sicher. Du hast es vielleicht nur noch nicht erkannt.

Hast du auch das Gefühl, du wirst von Werbung und Medien beeinflusst? Wie macht sich das bei dir bemerkbar?

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