Geheimtipp Minimalismus: Wie es geht und warum es unwichtig ist, wieviel du besitzt

Geheimtipp Minimalismus

Minimalismus hat definitiv einen großen Stellenwert in meinem Leben. Dabei bin ich eher zufälig hineingeschlittert und habe mich nicht bewusst dafür entschieden. Früher hörte sich Minimalismus für mich immer nach Verzicht und Askese an. Ich habe mir Wohnungen vorgestellt, die fast leer sind und mehr nach Gefängnis als nach einem gemütlichen Heim aussehen. Ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, die so über Minimalismus denkt. Es gibt eine große Verwirrung darüber, was genau Minimalismus bedeutet und sogar richtige Bewegungen, die quasi vorschreiben, wie ein Minimalist zu sein hat (und dass du kein Minimalist bist, wenn du mehr als 4 Kaffeetassen besitzt).

Und eben weil ziemlich viel Unfug und Verwirrung online und offline existiert, schreibe ich diesen Artikel. Um aufzuklären, um den Minimalismus für jeden zugänglich zu machen und um dir Tipps und Hilfestellungen zu geben, wie du deinen ganz persönlichen Minimalismus leben kannst.

Was ist Minimalismus?
Der Duden beschreibt Minimalismus als “bewusste Beschränkung auf ein Minimum, auf das Nötigste”. Damit ist im Grunde auch schon alles gesagt. Es geht darum, sein Leben zu vereinfachen. Minimalismus ist dabei das Gegenteil der konsumorientierten Gesellschaft, in der es vor allem darum geht, zu kaufen und zu konsumieren. Immerzu. Denn, so verspricht es schließlich auch die Werbung, genau das macht angeblich glücklich. Wenn du das neueste Handy hast, bist du glücklich. Wenn du dir jede Woche neue Schuhe kaufst, bist du glücklich. Das Glück ist also unmittelbar ans Geld geknüpft und je mehr du ausgibst, desto glücklicher wirst du.

Klingt eigentlich logisch, oder?

Ist es aber nicht. Denn im Umkehrschluss bedeutet das, dass du unglücklich bist, wenn du nichts kaufst und konsumierst. Dein Glück hängt in diesem Fall von äußeren Umständen (und deinem Geldbeutel) ab. Und das ist niemals der richtige Weg.

Im Minimalismus hingegen ist Besitz im Gegensatz zum konsumorientierten Leben absolut nebensächlich.

Minimalismus und Besitz
Okay, ich gebe es zu: Es klingt noch immer nach leerer Wohnung und Verzicht. Dabei ist Minimalismus so viel mehr. Minimalismus bedeutet nicht, so wenig wie möglich zu haben, sondern, das Richtige zu haben. Ich lief selbst mal in die “Du-darfst-nicht-so-viel-besitzen”-Falle.

Vor ein paar Jahren fing ich an, Magnete von Urlaubsorten zu sammeln. Ich wollte etwas haben, dass ich mir regelmäßig anschauen kann, ohne dass es verstaubt oder bloß in einer Kiste liegt (denn, seien wir erhrlich, dort liegt es meistens völlig unberührt). Also kaufte ich mir eine Tafel, auf der nun meine Magnete all die Urlaubskarten, die ich bekomme, festhalten.

Nun kam ich zwischendurch in eine Minimalismus-Krise. Ich stand mal wieder vor einem Magnetständer und stöberte nach einem schönen Andenken. Plötzlich fragte ich mich, ob es in Ordnung sei, einen Magneten zu kaufen und ob es überhaupt kompatibel mit meiner minimalistischen EInstellung sei. Ich war hin- und hergerissen.

Am Ende kaufte ich den Magneten. Warum? Weil ich mich daran erinnerte, welche Freude meine Magneten mir machen. Immer wenn ich sie anschaue, denke zurück an die Ausflüge, Urlaube und Wochenend-Trips. Außerdem schmückt die Tafel meine Wand so schön und mehr Magnete bedeutet gleichzeitig mehr Raum für Urlaubskarten.

Meine Minimalismus-Reise
Aber mal von Anfang an: Früher war ich ein Mensch, der nur zu gern sein ganzes Geld für Dinge ausgegeben hat. “Dinge” waren in diesem Fall hauptsächlich Kleidungsstücke und Schuhe. Kein Schlussverkauf, kein Schnäppchen war vor mir sicher. Denn je weniger ich für eine Sache bezahle, desto mehr kann ich am Ende kaufen. Genial, oder?

Ich häufte also Unmengen an Kleidung an, die ich eigentlich nur kaufte, weil sie so günstig waren. Viele Kleidungsstücke hätte ich für den Normalpreis niemals gekauft – dafür waren sie mir nicht schön genug. Die Folge: Ich hatte einen vollen Kleiderschrank voller “Nichts zum Anziehen”. Kommt dir das bekannt vor?

Dieses Verhalten musste ich mir (zum Glück) während des Studiums abgewöhnen. Ich hatte wenig Geld, konnte gerade mal so meine Miete bezahlen. Große Ausgaben waren da einfach nicht drin – auch nicht im Schlussverkauf. Während ich anfangs daran zu knapsen hatte, ging es mir mit der Zeit immer besser damit. Ich fühlte mich plötzlich so frei, denn ich bemerkte, wie wenig mein Glücklichsein von Konsum und Besitz abhängt und dass mich genau das sogar eher unglücklich gemacht hat.

Der ständige Druck, etwas Neues haben zu müssen. Sich innerlich rechtfertigen zu müssen, warum ich jetzt schon wieder etwas gekauft habe, was ich weder brauche, noch wirklich mag. Das Gefühl, sich über den Besitz definieren zu müssen. All diese Last war weg und ich war frei.

Jahrelang musste ich während meines Studiums jeden Cent umdrehen und ganz genau überlegen, wofür ich mein Geld ausgebe (Essen oder Tunika?). Ich fing an, mir vor einen Kauf folgende Fragen zu stellen?

  1. Brauche ich es wirklich?
  2. Habe ich mich direkt verliebt?
  3. Macht es mein Leben besser oder schöner?

Wenn ich nicht mindestens 2 Fragen mit “Ja” beantworten konnte, habe ich es auch nicht gekauft. Zudem habe ich zunehmend auf soziale und ökologische Fairness geachtet. Dementsprechend ist mein Konsum drastisch zurück gegangen.

Auch die Dinge, die ich bereits besaß, mistete ich nach den oben genannten drei Kriterien aus. Und mit jedem ausgemisteten Teil fühlte ich mich freier und glücklicher.

Was Minimalismus bedeutet
Auch wenn mir hier einige Minimalisten vielleicht widersprechen werden: Beim Minimalismus geht es nicht darum, so wenig wie möglich zu besitzen, sondern das Richtige mit der richtigen Einstellung zu besitzen. Für manch einen mag all das in einen Rucksack passen. Für andere nicht. Für den einen mag es bedeuten, nur 4 Kaffeetassen zu besitzen. Für andere nicht.

Es geht eben nicht einfach nur um Besitz. Minimalismus geht viel tiefer und ist dabei unglaublich persönlich. Daher findest du hier meine Kernessenzen des Minimalismus:

1. Trenne dich von dem, was dich belastet
Jeder weiß selbst am besten, was ihn belastet. Alles, was ein schlechtes Gefühl in uns auslöst, sollte direkt rausfliegen. Besitz soll Freude machen, unser Leben schöner, besser und vielleicht auch einfacher machen.

Ich bin zum Beispiel gerade dabei, meine Teller auszutauschen. Ja, klar ich habe Teller. Aber schön sind die nicht. Ich liebe schöne Keramik und eine bunte Mischung verschiedener Teller auf dem Tisch. Das Service hat all das, was ich an Tellern so gar nicht mag: Es ist viereckig, weiß mit einer (inzwischen ausgeblichenen) Blume und jeder Teller sieht aus wie der andere.

Also trenne ich mich von diesen Tellern und hole mir Teller ins Haus, die mein Leben schöner machen.

Anders sieht es zum Beispiel bei meinen Handtüchern aus: Die sind teilweise auch wirklich oll und nicht besonders schön. Aber sie erfüllen ihren Zweck, daher sehe ich keine Notwendigkeit, sie auszutauschen. Sie belasten mich nicht, sondern sind halt einfach da und praktisch.

Was auch wunderbar zum nächsten Punkt überleitet:

2. Definiere dich nicht über deinen Besitz
Eine Zeitlang hatte ich nämlich den dringenden Wunsch, die Handtücher auszutauschen. Aber nicht, weil sie mich gestört haben, sondern weil ich Angst hatte, dass Gäste sie nicht schön finden (und womöglich deswegen sogar schlecht über mich denken).

Ein ganz großes Stopp musste her und wieder meine Lieblingsfrage: Was würdest du auf einer einsamen Inseln tun?

Die Antwort: Auf einer einsamen Insel hätte die Frage nach neuen Handtüchern nicht so eine hohe Priorität (der Austausch der Teller hingegen schon).

Eine Sache musste ich im Zusammenhang mit Minimalismus lernen: Ich bin nicht mein Besitz. Mein Besitz unterstreicht vielleicht, wer ich bin. Aber ohne diesen Besitz wäre ich die gleiche Person – nur eben ohne den ganzen Kram.

Sobald du anfängst, dich über deinen Besitz zu definieren, bist du in einer unendlichen Spirale voller Konsum, Sorgen und Ängsten gefangen. Mach dir selbst klar, dass es keinen Unterschied macht, ob du das iPhone 8 oder 2 besitzt (oder, Gott bewahre, ein NoName-Phone). Du bleibst der gleiche Mensch.

Kaufe oder behalte nichts, um andere zu beeindrucken, zu imponieren, neidisch zu machen oder zu zeigen “wer du bist”. Du bist kein iPhone 8. Du bist du – mit einem iPhone 8.

3. Lerne, nichts zu besitzen
Eine spannende und extrem wichtige Kernessenz: Löse dich von der Vorstellung, etwas zu besitzen. Bereits Buddha wusste: Besitz erzeugt Leid, denn wir klammern uns fest, haben Angst unseren Besitz zu verlieren. Wenn wir etwas nicht besitzen, können wir es auch nicht verlieren.

Zum Teil hängt dieser Punkt mit Punkt 2 zusammen. Die unmittelbare Verknüpfung unserer Person mit unserem Besitz vergrößert unsere Verlustangst. Denn im Falle eines Verlusts, verlieren wir nicht einfach nur einen Gegenstand, sondern einen Teil unserer Selbst.

Es ist, als hätten wir unsere Seele aufgespalten und in viele einzelne Gegestände gesteckt. Wenn wir einen dieser Gegenstände verlieren, leiden wir (Stichwort Voldemort).

Aber nicht nur der Verlust über einen Gegenstand, über den wir uns definieren, schmerzt. Auch der Verlust (bzw. die Angst davor), ein Erinnerungsstück oder einen sehr persönlichen Gegenstand zu verlieren, schmerzt. Sogar deutlich mehr, denn es ist nicht einfach nur ein Gegenstand, sondern eine Verbindung – ob zu unserer Vergangenheit oder einem (verstorbenen) Menschen.

Dabei ist die wertvollste und wichtigste Erinnerung in deinem Kopf. Du brauchst keine Schatulle deiner Oma, um an sie zu denken. Du brauchst keine Konzertkarte, um dich zu erinnern, wie du deinen Partner kennengelernt hast. All diese Erinnerungen sind gespeichert in deinem Gehirn – und sie gehen nicht einfach verloren, nur weil die Karte im Papiermüll oder die Schatulle im Feuer gelandet ist.

Lerne, loszulassen!

Das bedeutet nicht, dass du diese Erinnerungsstücke nun wegwerfen sollst (würde ja auch meiner Magnetsammlung widersprechen). Es bedeutet lediglich, dass du dir klar darüber wirst, dass du sie nicht benötigst und daher auch keine Angst mehr haben musst, sie zu verlieren.

Und ohne Angst kein Leid.

Minimalismus im Alltag
Minimalismus ist eine Entscheidung fürs Leben. Sie nimmt Einfluss auf alle Lebensbereiche, lenkt Minimalismus den Fokus doch auf Einfachheit, Seelenfrieden, Dankbarkeit und nicht zuletzt darauf, was wirklich wichtig ist im Leben. Es ist ein großartiger Lebensstil, trotzdem kann unser minimalistisches Leben durch diese Dinge herausgefordert werden:

Geschenke
Die meisten Menschen bekommen mindestens zwei Mal im Jahr Geschenke – von den unterschiedlichsten Leuten. Da häuft sich im Laufe des Lebens auch Einiges an, was wir nicht gebrauchen können. Das passiert einfach (ohne, dass irgendwer der Böse ist).

Anstatt all diese (für uns nutzlosen) Dinge zu behalten, macht es allerdings viel mehr Sinn, diese Dinge wegzugeben. Das hat nichts mit Undankbarkeit zu tun, sondern mit Klarheit und Selbstliebe. Außerdem lebt es sich doch mit der Gewissheit viel besser, dass ein anderer sich darüber freut und es nicht einfach in deinem Keller verstaubt (was eine Spur undankbarer ist, finde ich…).

Partner
Minimalismus ist einfach, wenn du allein wohnst. Wenn du mit jemandem zusammen wohnst, sieht das möglicherweise ganz anders aus. Vielleicht möchtest du deinen Besitz auf ein Minimum reduzieren, während dein Partner fröhlich Sachen anhäuft. Vielleicht sind sogar Sachen dabei, die du alles andere als toll findest. Was also tun?

Zunächst einmal, akzeptieren, dass jeder Mensch anders ist (erinnere dich: Minimalismus ist etwas sehr Persönliches und bedeutet für jeden etwas anderes). Zu einer Partnerschaft gehören immer Kompromisse. Und so gestatte ich meinem Verlobten, seine Raumschiff-Modelle aufs Regal zu stellen, die inzwischen einfach dazu gehören, weil sie unterstreichen, wer er ist (und, zugegeben, da ich mit Vergnügen Star Trek schaue, auch gewissermaßen unterstreichen, wer ich bin).

Als nächstes kannst du, wie ich dich, zum Nachdenken anregen. Manchen ist gar nicht bewusst, welche Last sie durch ihren Besitz mit sich herumtragen (vielleicht ist dir auch erst durch diesen Artikel ein Licht aufgegangen). Inspiriere statt zu Missionieren und drück deinem Partner gerne diesen Artikel in die Hand.

Und denk dran: Es ist nicht deine, sondern eure Wohnung und jeder hat das Recht, seine persönliche Note mit reinzubringen (gerade Frauen vergessen das gerne).

Andere Minimalisten
“Was? Du hast ein Sofa? Wie unnötig und so gar nicht minimalistisch…” Wird es immer geben, solltest du dich aber nicht von beeinflussen lassen. Minimalismus soll Freude machen und nur weil derjenige am liebsten auf dem Boden sitzt, musst du ihm das nicht gleichtun. Punkt. Mehr gibt es nicht zu sagen.

Minimalismus bedeutet Lebensqualität und Freiheit
Minimalismus bedeutet nicht, verzichten zu müssen. Nein, vielmehr bedeutet es, sich mit freudebringenden Dingen zu umgeben, aber gleichzeitig zu erkennen, dass wir diese Dinge nicht zum Glücklichsein brauchen.

Das ist kein Widerspruch, sondern passt wundervoll zusammen.

Minimalismus schult unsere Achtsamkeit, unsere Dankbarkeit und lenkt den Fokus auf die Gegenwart. Wir entkommen endlich der “Wenn, dann…”-Falle (wenn ich das neue Auto habe, fühle ich mich erfolgreich). Besitz und Konsum ist einfach nur die Kirsche auf der Torte, die ohne die Kirsche genauso gut schmeckt.

Minimalismus bedeutet, sich zu befreien von Ängsten und Sorgen und von der Annahme, auf Grund des Besitzes besser oder schlechter zu sein als andere.

Minimalismus lässt uns erkennen, wer wir unter der Fassade unseres Besitzes wirklich sind.

Wie wundervoll unser Leben ist.

Und wie reich wir sind.

Auch ohne Besitz.


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