Der Tag, an dem ich mir erlaubte, zu weinen (und dadurch noch glücklicher wurde)

Weinen

Grundsätzlich bin ich nicht besonders nah am Wasser gebaut. Doch in meinem Leben gab es schon einige Situationen, in denen ich eigentlich geweint hätte – es aber nicht tat. Tatsächlich haben mich noch nicht viele Menschen weinen sehen. Eine Träne vor anderen Menschen war für mich immer ein absolutes NoGo. Doch das ist nun vorbei – weil ich es einfach tat und etwas Wundervolles passiert ist. Aber von Anfang an.

Die Prägungen meiner Kindheit
Bereits als Kind weinte ich nicht besonders oft. Meine ältere Schwester weinte wesentlich öfter, weshalb ich das Gefühl hatte, ich müsste die Starke von uns beiden sein. Ich dürfte nicht weinen und müsste Trost spenden.

Ich erinnere mich noch gut an die Beerdigung meiner Oma. Ich war 8. Es war unheimlich traurig. Aber ich vergoss keine einzige Träne. Ich wollte stark sein. Wie mein Vater, den ich auch nie weinen sah. Ich wollte eine Stütze sein, keine Last.

Also mimte ich die Starke. Bis ins Erwachsenenalter. Bei keiner Beerdigung vergoss ich jemals eine Träne. Ich behielt sie für mich. Manchmal, wenn ich alleine war, weinte ich. Aber auch nur dann.

Wie ich beinahe komplett meine Gefühle vergaß
Nicht nur das Weinen verbarg ich vor anderen Menschen. Jede Gefühlsregung blieb damals in meinem Innern. Ich konnte weder Freude ausdrücken, noch Überraschung oder Rührung. Nach außen war ich kalt wie ein Eisblock.

Irgendwann kam der Tag, an dem ich meine positiven Gefühle zuließ. Das veränderte mein ganzes Leben. Ich drückte meine Freude aus, später drückte ich aus, wie wichtig mir andere Menschen waren. Plötzlich war ich nicht mehr eiskalt, sondern herzlich und fröhlich. Ich spürte, dass dies mein innerstes Wesen war – und ich fühlte mich verdammt wohl damit.

Doch Tränen zeigte ich trotzdem nicht. Zu groß war die Angst von anderen als schwach angesehen zu werden. Zu groß die Angst, andere zu verschrecken. Ich unterdrückte so viele Jahre vor anderen meine Tränen, dass ich es meisterhaft beherrschte, stets meine Fassung zu wahren.

Ich hatte zwar den Wunsch, meine Tränen nicht länger zu verbergen, aber meine Hemmungen waren noch größer. Zunächst.

Der Tag, an dem ich meine Tränen zuließ
Ich wusste genau, dass es nicht gut ist, meine Tränen zu unterdrücken. Es tat mir nicht gut und es verbarg, wer ich eigentlich bin. Ich wollte echt sein vor anderen und mich nicht hinter einer Maske verstecken.

Doch das tat ich immer und immer wieder.

Letztes Jahr heirateten meine Freunde. Ich wohnte in der Zeit vor der Hochzeit bei ihnen und griff ihnen bei den Vorbereitungen unter die Arme. Ein paar Tage vor der Hochzeit probierte der Bräutigam nochmal seinen Anzug an und zeigte ihn mir. Ich sah ihn an und spürte, wie mir Tränen in die Augen schossen. Reflexartig schluckte ich sie runter. Doch zum ersten Mal in meinem Leben wünschte ich mir, ich hätte die Tränen zugelassen. Es fühlte sich falsch an, nicht zu weinen – es fühlte sich an wie eine Rolle, die ich spielte. Doch ich wollte keine Rolle mehr spielen.

Ich wollte ich sein.

Vor ein paar Tagen kam ich erneut in eine Situation, die mich stark rührte. Mir wurde etwas so Nettes gesagt wie nie zuvor. Auch hier spürte ich wieder, wie mir Tränen in die Augen schossen. Aber anstatt sie zu unterdrücken, ließ ich sie zu.

Ich zeigte ganz ohne Scham meine Tränen. Und es fühlte sich gut an. Echt. Befreiend. Und nicht zuletzt ehrlich.

Ehrlichkeit ist mir sehr wichtig. Ich möchte andere Menschen nicht anlügen und ihnen auch nichts vorspielen. Ich möchte mich vor den Menschen so zeigen, wie ich bin. Und ich möchte, dass sie mich für das lieben, was ich bin. Ich weine nicht oft, bin emotional ziemlich stabil. Aber es gibt nun mal Momente, in denen auch mir die Tränen kommen.

Meine Tränen nicht zuzulassen war eine Rolle. Eine Rolle, die ich nicht länger bereit bin zu spielen.

Denn das bin nicht ich.

Und ich möchte ich sein.

Mit allem, was dazu gehört.

Warum auch du deine Tränen zeigen solltest
Tränen gelten als Schwäche. Ich hatte auch wahnsinnige Angst davor, als schwach angesehen zu werden. Als angreifbar, weil ich so viel aus meinem Inneren offenbare. Meine neueste Erkenntnis: Es zeugt von Stärke, sich und seine Gefühle authentisch zu zeigen. Hier sind noch weitere Gründe, deine Tränen zu zeigen:

1. Tränen entlasten die Seele
Tränen sind ein starker Ausdruck unserer Gefühle. Trauer, Rührung, Freude, Wut – es gibt viele Auslöser für Tränen. Indem wir unseren Tränen die Erlaubnis geben, da zu sein, entlasten wir unsere Seele. Es können sich keine Gefühle anstauen, wenn wir weinen. Tränen sind wie eine klärende Dusche für die Seele. Nach dem Weinen fühlen wir uns besser, ausgeglichener und wohler.

2. Tränen zu unterdrücken macht krank
An den ersten Punkt knüpft direkt der zweite Punkt. Wenn wir nämlich unsere Tränen unterdrücken, erhöhen wir den Stresslevel in unserem Körper. Auf Dauer kann das Unterdrücken der Tränen krank machen und Beschwerden wie Bluthochdruck und Herzbeschwerden auslösen und sogar Krankheiten wie Krebs fördern.

3. Weinen baut eine emotionale Nähe auf
Wenn wir unsere Gefühle unterdrücken, wirken wir auf andere Menschen kalt, kontrolliert und unnahbar. Erst wenn wir unsere Gefühl zeigen und auch vermeintlich intime Momente wie Tränen mit anderen teilen, kann eine echte Nähe zu anderen Menschen entstehen.

Wie du es schaffst, anderen deine Tränen zu zeigen
Vom Entschluss, anderen Menschen endlich ehrlich meine Gefühle zu zeigen und der tatsächlichen Ausführung ist eine sehr lange Zeit vergangen. Immerhin habe ich mindestens 20 Jahre lang meine Tränen zurückgehalten. Aus diesem Muster auszubrechen ist nicht leicht. Aber es ist möglich und mein Erlebnis vor ein paar Tagen zeigte mir: Es ist auch absolut erstrebenswert.

Du möchtest auch endlich zu deinen Tränen stehen? Diese Schritte können dir dabei helfen:

1. Finde heraus, warum es dir so schwer fällt zu weinen
Prägungen unserer Kindheit reichen bis ins Erwachsenenalter und wenn wir nichts gegen diese Prägungen unternehmen, beeinflussen sie unser ganzes Leben. Wenn sie unserem innersten Wesen widersprechen, macht diese Beeinflussung unglücklich – ohne dass wir genau wissen, warum wir eigentlich so unglücklich sind.

Es ist fatal, unser Inneres Kind über unser heutiges, erwachsenes Leben entscheiden zu lassen. Löse dich von deinen Kindheitsprägungen, damit du ganz du selbst sein kannst.

Geh zurück in deine Kindheit. Irgendwo dort findest du die Antwort, warum es dir so schwer fällt, zu weinen. Musstest du immer sehr stark sein? Oder hattest du wie ich immer das Gefühl, es sein zu müssen? Wurdest du gehänselt und wolltest den anderen Kindern nicht zeigen, wie sehr dich ihre Worte treffen? Wurde dir beigebracht, dass nur Memmen weinen?

Vielleicht braucht diese Erkenntnis Zeit, weil sie tief in deinem Unterbewusstsein vergraben ist. Nimm dir diese Zeit. Geh immer wieder in dich und erinnere dich.

2. Löse dich von deinem inneren Kind
Egal, was der Auslöser ist: Mach dir bewusst, dass du nicht mehr dieses Kind bist. Du musst niemandem mehr beweisen, stark zu sein. Du bist stark. Auch (oder gerade!), wenn du mal weinst. Als Kind hast du dir eine Rolle erschaffen, um auf eine ganz bestimmte Art und Weise auf andere zu wirken. Aus Angst, abgelehnt zu werden, hast du dir bestimmte Verhaltensweisen angeeignet oder abgewöhnt. So wie das Weinen.

Es waren kindliche Gedanken, die dich dazu veranlasst haben, so zu denken. Du hattest eine bestimmte Sicht auf die Welt und deine Rolle darin. Durch dieses Denken entstanden in dir Glaubenssätze. Diese Glaubenssätze sind heute noch genauso präsent wie damals.

Doch nun bist du erwachsen. Indem du Verantwortung für dein Leben und deine Gedanken übernimmst, kannst du dich von deinem Inneren Kind lösen. Indem du dir neue Glaubenssätze aneignest, kannst du dir eine ganz neue Realität erschaffen.

Anstatt zum Beispiel zu denken: “Weinen lässt mich schwach erscheinen”, habe ich mir einen neuen Glaubenssatz erschaffen: “Tränen zu zeigen ist ein Ausdruck von Stärke.”

Ich habe hinterfragt, ob ich Weinen tatsächlich als eine Schwäche ansehe. Nein. Ich habe einen anderen Menschen noch nie für schwach gehalten, weil er geweint hat. Teilweise habe ich Menschen sogar bewundert, die so zu ihren Gefühlen standen.

Mein neuer Glaubenssatz machte für mich viel mehr Sinn, weil er genau das war, was ich in Wirklichkeit über Tränen dachte.

Schluss mit dem Rollenspiel!
Ich wollte meine Tränen nicht vor anderen zeigen, weil ich dadurch die Rolle einer starken Frau aufrecht erhalten wollte. Doch genau das wollte ich irgendwann nicht mehr: Eine Rolle spielen. Ich will schlicht und einfach ich sein. Und ich möchte mich mit Menschen umgeben, die mich kennen. Wirklich kennen.

Durch die Prägungen meiner Kindheit war ich gefangen. Ich war nicht frei in meiner Entscheidung, denn ich handelte aus Angst. Und Angst macht niemals frei.

Ich möchte mich nicht länger hinter einer harten Fassade verstecken. Ich möchte meinen Kern zeigen. Ich möchte, dass mein Gegenüber weiß, mit wem er es zu tun hat. Ich möchte zeigen, wer ich bin. In jeder Sekunde, in jedem Moment. Alles andere wäre falsch.

Und ich möchte nicht falsch sein.

Ich möchte ich sein.

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2 thoughts on “Der Tag, an dem ich mir erlaubte, zu weinen (und dadurch noch glücklicher wurde)

  1. Ein sehr schöner Beitrag – ich bin Psychologin und habe mich natürlich im Studium mit diesen Themen beschäftigt. Wirklich schön zusammengeschrieben :-)!

    Liebste Grüße
    Verena

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